Bürgerschaftliches Engagement


Ein Erfahrungsbericht will Mut machen! Über 30 Millionen Menschen engagieren sich laut BMI ehrenamtlich in Deutschland. Sie alle gestalten die Gegenwart mit, sozusagen in Echtzeit, indem sie sich unmittelbar für ihr aktuelles Anliegen einsetzen und dieses in den Fokus rücken. Und sie gestalten die Zukunft mit, wenn es ihnen gelingt, andere zu überzeugen und gemeinsam die Weichen für ihr Projekt zu stellen, Neues entstehen zu lassen oder auch Altes zu bewahren.


Die Stiftung BauKulturerbe gGmbH ist ein gutes Beispiel dafür. Sie basiert selbst auf ehrenamtlichem Engagement und ist Teil eines lebendigen Netzwerks verschiedener bürgerschaftlicher Institutionen, die sich unermüdlich für unsere Baukultur einsetzen. Mit ihren über viele Jahre und Jahrzehnte gewachsenen Strukturen können diese Netzwerke langfristige Ziele verfolgen, aber eben auch aktuelle einzelne Initiativen verankern, so dass diese nicht im luftleeren Raum verpuffen.


Engagement für den Erhalt der Freiburger Gaskugel


Ein Beispiel hierfür, das Mut machen kann, selbst tätig zu werden, ist das Engagement der Bürgerschaft für die Freiburger Gaskugel. Sie war im Sommer 2019 stillgelegt worden und urplötzlich vom Abriss bedroht. Die lokale Zeitung hat davon erfahren und kurz vor den Ferien hierüber informiert (BZ vom 08.07.2019). Nun ging alles sehr schnell: Der Bürgerverein Betzenhausen-Bischofslinde e.V. mit seiner Vorsitzenden Beate Diezemann, in dessen Stadtteil die Gaskugel steht, schloss sich mit dem Kultur- und Geschichtskreis Betzenhausen-Bischofslinde e.V. und der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild e.V. zusammen und bildete noch im selben Sommer den „Arbeitskreis Gaskugel“ mit fachkundigen Ehrenamtlern aus allen drei Vereinen, unter ihnen auch Dr. Diana Wiedemann von der Stiftung BauKulturerbe. Während der Sommerferien wurde analysiert, recherchiert und ein Konzept für eine sanfte Nutzung der stillgelegten Gaskugel erarbeitet, das mit einer Vielzahl formeller und informeller Gespräche und Präsentationen einherging und so fortentwickelt und breit abgestimmt wurde. Auch mit dem Betreiber, der Badenova bzw. ihrer Tochter bnNetze, fand noch im Sommer ein erstes Gespräch statt. Dort wolle man alle Optionen prüfen, wie es hieß, vom Abriss bis zum Denkmalschutz.


Analysen, Recherchen und ein Nutzungskonzept


Nach den Sommerferien war klar, was die Bürger/innen im Stadtteil wollen: Die Gaskugel soll als Landmarke für den Freiburger Westen erhalten bleiben und zu einem lebendigen Treffpunkt mit einem Gartencafé werden. Mit ihrer einmaligen Lage, ihrer markanten Form, ihrer Größe und ihrer Geschichte, aber auch mit dem sie umgebenden Park ist sie für ein Ausflugsziel geradezu prädestiniert. Zudem soll das grandiose Kugel-Bauwerk auch von innen erlebt werden können und zumindest für kleinere Besuchergruppen und zu Zeiten, in denen es klimatisch möglich ist, zugänglich gemacht werden. Gedacht ist dabei an ein möglichst pures Raumerlebnis, mit Licht- und Toninszenierungen und verschiedenen kleineren Veranstaltungsformaten, die dem besonderen Raum Rechnung tragen können, denn in der Kugel eröffnet sich eine spektakuläre Klangwelt mit einer einzigartigen Akustik. Ein ambitioniertes Konzept war formuliert, das die weitere Richtung vorgab.


Ein Netzwerk formiert sich


Die Medien verfolgten sehr interessiert, was sich rund um das prominente Bauwerk tat, und berichteten schon im September 2019 über das „sanfte“ Nutzungskonzept

(BZ vom 07.09.2019, SWR4 vom 30.08.2019 u. a.). Im Herbst wurde das Konzept weiter kommuniziert und in verschiedenen Verbänden und Foren in Politik und Verwaltung vorgestellt. Rund um den „Arbeitskreis Gaskugel“ formierte sich in diesen Wochen ein breites Bündnis von Institutionen, die das Konzept unterstützen, darunter das Architekturforum Freiburg e.V., die Architektenkammer, die Ingenieurkammer Baden-Württemberg, der VDI Verein Deutscher Ingenieure, das Institut für Neue Musik der Hochschule für Musik Freiburg, die NaturFreunde Freiburg e.V., der adfc Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V., die AFB Arbeitsgemeinschaft Freiburger Bürgervereine und viele mehr.


Im November 2019 schließlich ging das 16 Seiten starke ausgearbeitete Konzeptpapier in Druck: „DIE KUGEL – Ein Nutzungskonzept“, mitsamt der beeindruckenden Liste der Befürworter.


Die Gaskugel wird unter Denkmalschutz gestellt


Belohnt wurde dieses enorme und zeitaufwändige Engagement dann noch im selben Jahr: Das Landesamt für Denkmalpflege hat die stillgelegte Freiburger Gaskugel im Dezember 2019 unter Denkmalschutz gestellt. Sie ist nun als Kulturdenkmal gemäß § 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSchG) anerkannt. Damit ist die Sorge, dass das Wahrzeichen des Freiburger Westens abgerissen werden könnte, vom Tisch und ein wichtiges Etappenziel erreicht. Der Erhalt des 1964/65 erbauten Hochdruck-Kugelgasbehälters liegt fortan „aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen im öffentlichen Interesse“, wie das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mitteilte.


Offiziell verkündet wurde die Neuigkeit von Oberbürgermeister Martin Horn beim Bürgergespräch am 16. Dezember, was ihm spontanen Applaus einbrachte. Doch bis zu einer denkmalverträglichen Nutzung der Kugel und des dortigen Naturraums, wie sie das vom Arbeitskreis entwickelte Konzept vorsieht, ist es noch ein weiter Weg. Noch vor der Weihnachtspause ging deshalb ein Appell an knapp 80 Adressaten aus Politik und Verwaltung sowie an den Betreiber, die bnNETZE und die Badenova. Von dort wurde uns bestätigt: „Wenn die Politik entsprechende Ziele verfolgt und planungsrechtlich möglich macht, ist bnNETZE bereit, Kugel mitsamt Grundstück zu veräußern“ und lediglich das Teilgrundstück, auf dem sich die zu erneuernde Gasdruckregelanlage befindet, auch weiterhin zu nutzen.


Die Stadt Freiburg strebt Freizeitnutzung des Areals an


Die beiden Freiburger Stadträte Dr. Wolf-Dieter Winkler (Freiburg Lebenswert) und Gerlinde Schrempp (heute Freie Wähler) hatten bereits im November eine Anfrage zum Erhalt und der möglichen Folgenutzung der Gaskugel an den Oberbürgermeister gerichtet und darin das Nutzungskonzept des Arbeitskreises zum Gegenstand gemacht. Im Antwortschreiben bekannte sich die Stadtverwaltung nun offiziell zu einer Freizeit-Nutzung der Gaskugel: „Für uns als Stadtverwaltung steht […] außer Frage, dass die Gaskugel und das dazugehörende Grundstück einer freizeitbezogenen Nachnutzung zugeführt werden sollte. […] Insofern ist uns die Attraktivität des Standortes bewusst, weshalb wir Ihren Anregungen sehr positiv gegenüberstehen. Wir werden deshalb wohlwollend und eingehend prüfen, ob und wie eine attraktive Nachnutzung gelingen kann.“ (Bürgermeister Prof. Dr. Martin Haag, Dez. V, 23.01.2020)


Wir bleiben mit dem AK Gaskugel dran. Inzwischen wurde an der HfT Hochschule für Technik in Stuttgart die Freiburger Gaskugel zum Thema von vier Masterarbeiten. Auch wenn es darin um ein anspruchsvolles Raumprogramm (den Bau eines Planetariums, eines Cafés und diverser weiterer Räume) und nicht um eine behutsame Nutzung des Industriedenkmals geht, so lohnt es sich, diese Entwürfe anzusehen. Ihnen ist gemeinsam, dass alle vier Absolventen in ihren Entwürfen versuchen, den Bauch der Kugel nicht zu verbauen, sondern erlebbar zu machen.


Es braucht noch viele kluge Köpfe, sorgfältige Planungen, Investitionen und viel Rückhalt, Zeit, Geduld und Energie. Aber es gibt wenige Projekte im Freiburger Westen und vielleicht auch in ganz Freiburg, die spontan so große Unterstützung finden. Und es hat sich jetzt schon gelohnt!


Foto: © Dr. Stefan Grugel , www.kuge-freiburg.de/gaskugel-betzenhausen


Erstveröffentlichung dieses Artikels: Stiftung BauKulturerbe, Blogbeitrag vom 11.08.2020

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